HELLO DEUTSCHLAND – DIE EINWANDERER

Eine Post-Welcome-Soap

Hello Deutschland

Mit der Scripted-Reality-Serie „Goodbye Deutschland“ hat der TV-Sender Vox ein erfolgreiches Format entwickelt, das Deutsche bei ihrer Auswanderung mit der Kamera begleitet. HELLO DEUTSCHLAND orientiert sich formal am Original-Format „Goodbye Deutschland“, dreht die Verhältnisse jedoch um: hier werden Geflüchtete bei ihrem Ankommen in der deutschen Gesellschaft begleitet. Das Format erlaubt zum einen die Darstellung der Realitäten der Protagonisten zwischen Flüchtlingsunterkunft, Sprachkurs und deutscher Bürokratie, gewährt aber auch persönliche Portraits und Einblicke in die Psychologie zwischen traumatischer Fluchterfahrung, kulturellen Missverständnissen und der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Die erste Staffel umfasst 10 Folgen á 25 Minuten und wird auf youtube online gestellt und mit der Kampnagel-Homepage verlinkt. Die Premiere von jeder neuen Folge wird mit Aktionen begleitet und öffentlich gescreent (vor der Bereitstellung auf youtube, an verschiedenen Orten in der Stadt). HELLO DEUTSCHLAND wird in unterschiedlichen Sprachen gedreht und durch Untertitelung auf deutsch, englisch, farsi, arabisch für alle Zuschauer verständlich. Um nicht einfach „nur“ das vorhandene Format zu reproduzieren, werden auch die Sehnsüchte und Wünsche der Protagonisten in die Storyline eingeflochten – und die Zuschauer können mittels sozialer Medien ebenfalls mit den Protagonisten in Kontakt treten und in die Story eingreifen (user generated content).

Die Interaktivität und der Dialog mit dem Publikum ist ein extrem wichtiges Modul für die erfolgreiche Umsetzung des Projektes. HELLO DEUTSCHLAND produziert eine Social-Media-Hyperreality und ist ein künstlerisches und soziales Experiment, das mit Neo-Migranten (Geflüchtete), Post-Migranten und lokalen Akteuren zusammen agiert. Die Charaktere rund um das „Migrantpolitan“* werden zu Protagonisten ihres eigenen Ankommens in der Hansestadt Hamburg. Für den Ansatz, Fiktion gewissermaßen als Realität zu verpacken, Wirklichkeit durch quasi-dokumentarische Stilmittel unterhaltsamer zu machen, hat sich der Begriff Scripted Reality etabliert. Und ist in klarer Abgrenzung zum Dokumentartheater zu verstehen, welches die Realität abbildet und somit eher reproduziert und bestätigt, als die vorhandenen (Macht-) Verhältnisse zu dekonstruieren. HELLO DEUTSCHLAND produziert hingegen potentielle Realitäten, es ist ein „was-wäre-wenn“ statt eines „so tun als ob“.

Durch die Aneignung des Formates werden die bisherigen Sehgewohnheiten unterwandert und erweitert. Die Einzelschicksale werden sichtbar und somit die anonymen „Objekte“ zu Subjekten ihres eigenen Handelns. Es entsteht eine hyperrealistische Performance, die sowohl online als auch analog im Alltag interveniert. Die realen Biografien der Protagonisten bilden die Grundlage der Fiktionalisierung. Im Sinne der Avantgardistischen Forderung nach einer Auflösung der Trennung zwischen Kunst und Leben werden bei HELLO DEUTSCHLAND Trennungen zwischen sozialer Rolle, Persönlichkeit und Potential verwischt. Dabei ist die offensichtliche Konstruktion der Geschichte methodischer Kalkül.

LARGER THAN LIFE, INTEGRATION DE LUXE

Beim Dreh wird also nicht 1:1 die Realität abgebildet, sondern um fiktionale Elemente erweitert - indem beispielsweise in der Serie ein Protagonist einen Job bekommt, den er im „echten“ Leben nicht bekommen hat. Das Spiel mit Realität und Fiktion setzt Potentiale frei, um neue Narrative zu produzieren. Narrative, die den medialen Reproduktionen von deutschen Ängsten und naiven migrantischen Hoffnungen alternative Lesarten und persönliche Geschichten entgegensetzen und neue soziale Realitäten produzieren. Dabei werden sowohl gesellschaftliche Tabus, wie beispielsweise Liebesbeziehungen zwischen Geflüchteten und Deutschen in Szene gesetzt, als auch die Auseinandersetzungen innerhalb der Refugee-Communities (Beispielsweise konservative Syrer, die an ihren „Regeln“ festhalten und andere Geflüchtete unter Druck setzen, diese alten „Regeln“ ebenfalls zu achten und sich nicht auf die neuen „Regeln“ einzulassen).

Der Cast besteht aus Darstellern, die sich rund um das „Migrantpolitan“ auf Kampnagel gefunden haben und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und Motivationen nun vor derselben Aufgabe stehen: Wie integriere ich mich in die deutsche Gesellschaft, vor allem wenn die deutsche Gesellschaft kein Konzept für eine Aufnahmegesellschaft hat?

Der Text wurde von den Projektmachern verfasst.

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Antragsteller

Nadine Jessen

Sparten

Post Internet Art • WebArt • Performance-Art • Soziale Plastik

Fördervolumen

beantragte/bewilligte Förderung aus dem Elbkulturfonds: 58.181 Euro/50.000 Euro

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