Welt in Teilen

Künstlerische Perspektiven auf die Potentiale einer ziel- und funktionslosen städtischen Entwicklungen

Welt in Teilen

Der Kunstverein St.Pauli ist eine interdisziplinäre Gruppe aus den Bereichen Kunst, Design, Gartenlandschaftsbau, Soziologie und Architektur, die sich 2006 in Form eines „OffSpaces“ auf der Reeperbahn in St. Pauli gegründet hat. Die Auflösung des Ausstellungsraum im Jahr 2009 sowie die Übereinkunft der Gruppe, dass vor allem im öffentlichen Raum eine Auseinandersetzung mit Kunst notwendig ist, führte seitdem zur Erprobung experimenteller neuer Ausstellungsformen. So wurde 2010 ein Überseecontainer angeschafft, der – zunächst auf dem Fischmarkt in St. Pauli aufgestellt – als Ort für Veranstaltungen diente. Von 2011 bis 2013 ging der Container auf Tour und wurde als Arbeits- und Präsentationsraum für Ausstellungen an verschieden Orten Deutschlands und Europas genutzt. Seit 2016 organisiert der Kunstverein St.Pauli „Parkplatztreffen“, bei denen jeweils mehrere KünstlerInnen eingeladen sind, ihre Werke in Autos zu realisieren, die an wechselnden Standorten
geparkt sind. Mit dem folgenden Projektvorschlag möchten wir an die beschriebenen Ausstellungs- projekte anschließen.

Die Hamburger Künstlerin Annette Wehrmann benannte in ihrem Text „ORT DES GEGEN“ von 2002 die Qualität bracher städtischer Flächen, die sie als einzigartiges, zweckfreies Vermögen einer Stadt bzw. deren Gesellschaft ausmachte.

„Der »ORT DES GEGEN« bezeichnet eine Bruchstelle für zweckfreie Negation, insbesondere für ein zweckfreies Vergehen von Zeit, materialisiert in der Zunahme/Anhäufung von Abfall. Irgendwo zwischen zum Stillstand kommen und radikaler Freisetzung. Am »ORT DES GEGEN« können die EinwohnerInnen zweckfrei und sinnfrei aufeinandertreffen, es ist aber auch das Gegenteil oder gar nichts möglich. Am »ORT DES GEGEN« wachsen die Halden: Halden an Zeit und Langeweile, Überfluss und Abfall“, so die Künstlerin.

Im gegenwärtigen, weitgehend auf Funktion und Wirtschaftlichkeit ausgerichteten öffentlichen Raum scheinen diese Qualitäten eines solchen Ortes auf ein Minimum reduziert zu sein oder sich in einem schnellen Vergehen hinter Bauzäunen zu verbergen. Im Bild der Stadt werden die letzten Lücken geschlossen. In Hamburg entstehen zurzeit an drei unterschiedlichen Stellen (Essohäuser / Palomaviertel, Hafencity und Neue Mitte Altona) durchstrukturierte neue Wohnviertel. Obwohl der Großteil der Ergebnisse dieser Stadtentwicklung vorhersehbar und statisch wirkt, ergeben sich in ihren prozessualen Übergängen sowie an ihren lokalen Rändern Zwischenräume, denen die von Annette Wehrmann benannten Qualitäten innewohnen. Für kurze Zeit formieren sich dort Materialhaufen zu fremdartigen Landschaften. Abgelegte Bauelemente ohne eindeutige Funktion sowie improvisierte Konstruktionen deuten eine nicht bekannte, avantgardistisch erscheinende Architektur an. 

Lassen sich die Potentiale des Zufälligen, Prozesshaften und Ephemeren in künstlerischen Bildern und Formen greifen und halten? Können ihre Qualitäten verständlicher und vermittelbar gemacht werden? 

Wir entwerfen eine Brache mit dem Erdaushub verschiedener Baustellen. Sowohl die Erde an sich, als auch von den KünstlerInnen hinzugefügtes Material werden die erste Setzung bestimmen. Zwischen provisorischen Wegen wachsen kristalline Betonstrukturen empor, es bilden sich hier und da bunte Pfützen.  Auf sich andeutenden Plattformen, Stellflächen, Sockeln und Bühnen realisieren KünstlerInnen sukzessive ihre Werke in unterschiedlichen Medien und Formaten. Diese entstehen und passieren, gehen Beziehungen zur Umwelt ein, verhalten sich synchron oder autonom zu dieser und vergehen wieder. Sie hinterlassen Spuren in der Gesamtformation, versinken teilweise, oder auch ganz in der Halde und werden selbst Halde. Performances und prozesshafte Konzepte ergänzen diese Choreographie, in der auch das Wetter eine gestaltende Rolle einnimmt. Nie verbleibt der Ort in einer Form, er kommt mit den Werken und vergeht mit ihnen, ent- und verwickelt sich. 
Überdies sind Gesprächsrunden geplant, in denen künstlerische Projekte im öffentlichen Raum vorgestellt werden und versucht wird, deren Phänomene und Notwendigkeiten zu artikulieren, ihre Verwucherungen einzufangen, Relikte freizuschaufeln und Diskurse zu öffnen.  Durch die vorgestellten künstlerischen Perspektiven sollen die Qualitäten und die Potentiale einer ziel- und funktionslosen städtischen Veränderung in den Vordergrund gerückt werden, die in den Diskussion über Stadtentwicklung kaum eine Stimme finden.

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Antragstellerin

Kunstverein St. Pauli, Franziska Nast

Sparten

Bildende Kunst

Fördervolumen

Beantragte/bewilligte Förderung aus dem Elbkulturfonds: 85.000 Euro / 100.000 Euro